Reise nach Ghana 2023: Christin und Dominika gemeinsam

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November 2023: Wir sind aufgeregt. In Istanbul am Flughafen sehen wir uns wieder. Wir freuen uns so sehr darüber, dass es uns dieses Jahr gelingt, gemeinsam nach Ghana zu reisen. Ghana hat uns gleich wieder, schon am Flughafen…. Aus unerklärlichen Gründen hat es Dominikas Impfpass nicht ins Gepäck geschafft und seine Abwesenheit sorgt bei der Einreise gleich mal für etwas Unruhe. Diese Situation lässt sich jedoch leicht durch altbewährte Methoden beseitigen und gerät ohnehin schnell in Vergessenheit, als uns beim Verlassen des Flughafens Lamptey und Prince herzlich begrüßen. Es ist so schön sie wiederzusehen. Gemeinsam machen wir uns dann auf die lange Reise nach Nkawkaw, 4 Stunden dauert die wilde Fahrt. Und genau wie eh und je fragt man sich unwillkürlich: Ist das nun das tiefste Schlagloch oder kommt da noch mehr? Wir verraten es euch: Es ist nie das tiefste Schlagloch gewesen… Lange nach Mitternacht erreichen wir Nkawkaw und treffen bei Erics Coldstore ein. Erics zuhause ist seit vielen Jahren auch die Heimat zahlreicher junger Erwachsener aus Tomo-Ni. Einige leben oder lebten vorübergehend bei Eric, andere besuchen ihn an Wochenenden oder in den Ferien. Manche haben mehrere Jahre bei ihm verbracht und auch wir dürfen immer zu ihm zurückkehren, wenn wir nach Ghana kommen. Eric, der extra nochmal aufgestanden ist, begrüßt uns herzlich und wir schwören uns, dass wir nach über 24h Anreise nun mindestens 5 Stunden schlafen werden. Sollen wir euch noch etwas verraten: Es funktioniert natürlich nicht! Alle sind hier immer sehr früh wach (insbesondere diese übermotivierten Hähne, die ab 4 Uhr morgens in voller Inbrunst ihr Gesangskünste zum Besten geben) und schon vor Sonnenaufgang hört man, wie Erics Mitarbeiter gefrorene Fische, Hühner und Schweine in handliche Stücke hacken und für den Verkauf vorbereiten. Letztlich sind es aber weder Hühner noch Hackbeil, es ist die Vorfreude auf all die kommenden Wiedersehen, die uns viel früher als geplant aus dem Bett treibt.

Nach dem Frühstück können wir als erstes P und Yaw begrüssen. Beide wohnen derzeit bei Eric und seiner Verwandtschaft. Sie freuen sich sehr über die dringend benötigte Kleidung und Schuhe, die ihr uns mitgegeben habt. Da wir dieses Mal zu zweit hier sind, durften wir auch mehr Gepäck mitführen und es war genügend Platz, um weitere Kleidung für bedürftige Kinder in die Koffer zu tun. Da die Kinder keine Spielsachen besitzen waren die mitgebrachten Kuscheltiere ein riesiges Highlight und brachten sie zum Strahlen. Vielen Dank an alle die uns dabei unterstützt haben.

Anschließend besuchen uns James, Gershon und Kezia! James und Gershon berichten vom anstrengenden und harten Arbeitsalltag im Krankenhaus. Kezia erklärt, wie es ihr im Ausbildungsalltag an der strengen und guten Krankenpflegeschule ergeht, die von GhanAid finanziert wird. Schön ist auch, dass Kezia sogar ein paar Tage bei uns bleiben kann. Denn Kezia ist ein ganz besonderer herzlicher Mensch, der trotz der aller Widrigkeiten immer wieder einen Grund zum Lachen findet.

Christin isst ihre erste Portion Fufu, ihre persönliche Mission für diesen Aufenthalt ist es, jeden Abend Fufu zu essen in der Hoffnung, dass es ihr dann reicht bis zum nächsten Besuch. Am Abend besuchen uns Prince und Lamptey und wir reden viel und spielen Karten miteinander, so wie früher, als sie noch Kinder im Waisenhaus waren. Ein Frosch sitzt unterm Tisch und fängt mit seiner langen Zunge Moskitos von der Hauswand…

Am Montagmorgen machen wir Pudding für den Nachmittag. Wir folgen haargenau Christins Ghana-Pudding Rezept: Hier wird etwas Kondensmilch mit ordentlich Wasser gestreckt und die weissliche Brühe dann mit einer recht ansehnlichen Portion Zucker versehen, bevor das Ganze dann mit Gut und Günstig Puddingpulver aus dem Handgepäck zu einer stückigen und recht klebrigen Masse verkocht wird. Die Kinder lieben es und es gilt in Nkawkaw mittlerweile als Delikatesse… Und irgendwie ist es tatsächlich recht essbar. Wir frühstücken mit Kezia und machen uns dann mit Yaw zu Erics Schweinestall auf, wir wollen gern seinen Betrieb sehen. Wir küren das größte (so ein riesiges Schwein hat die Welt noch nie gesehen) und das kleinste Schwein im Stall. Dem Schwein mit den meisten Farben, dem kraulen wir die borstige Nase und lernen nebenbei, wie das so läuft mit der Schweinehaltung hier bei Eric. Gemeinsam wandern wir in der sengenden Mittagshitze nach Hause.

Der Rest vom Tag verläuft turbulent, wir bekommen erneut gleich mehrfach Besuch, denn jeder hat kleine oder große Probleme und hofft auf unsere Unterstützung. Dadurch sind die Tage sehr durchgetaktet. Wir freuen uns riesig Desmond und Mensah wiederzusehen und auch Ruth kommt zusammen mit ihrem 2-jährigen Sohn Pride. Ihn haben wir durch die Corona bedingten Reisebeschränkungen noch gar nicht kennenlernen können! Es wird wieder viel geredet heute, alle drei berichten, wie es ihnen aktuell ergeht. Und wieder zeigt sich: Es ist so wichtig sich immer wieder zusehen, nicht zuletzt, weil sich Erfolge so sehr viel besser feiern lassen. Und zu feiern, gibt es einiges zum Beispiel Desmonds erfolgreichen Start in sein Berufsleben! Aber wir reden auch über Herausforderungen, weil wir auch hier sind, um zu erfahren, was am Telefon nicht so einfach zu besprechen ist. Und wir erschrecken ungewollt den kleinen Pride, der unsere bleichen Gesichter zum Fürchten findet und schrecklich weinen muss. Aber bevor er wieder mit seiner Mama verreist, schenkt er uns dann doch ein Lächeln. Nach mehreren Runden «Halligalli», «Uno» und einer Partie Fussball mit den Kindern aus dem Coldstore, einer grossen Portion Fufu für Christin und einigen Runden Kartenspielen mit Prince und Lamptey fallen wir müde ins Bett.

Wir starten den Dienstag gegen 6.30Uhr mit einem Spaziergang. Bo (eigentlich heisst er überhaupt nicht Bo, sondern geht namenlos durchs Leben und irgendwie sieht er aus wie ein Rottweiler und leider sitzt er die meiste Zeit in einem Zwinger), kann es kaum erwarten sich die Füße zu vertreten. Wir nutzen die Zeit, um während des Spazierengehens gemeinsam Pläne für den Tag zu machen. Wieso wissen wir gar nicht, Pläne sind recht nutzlos, wenn es um Tomo-Ni Angelegenheiten geht, es kommt immer anders als geplant. Aber heute wollen wir auf jeden Fall zu Joyce fahren. Aber erstmal gehen wir mit Kezia in die Stadt, sie braucht ein paar Sachen für die Schule. Als wir zurückkommen steht überraschend Dorita vor dem Coldstore, zusammen mit ihrer Tochter Christiana. Die beiden sind schon am frühen Morgen in Accra losgefahren, über die berühmt-berüchtigte Schlaglochpiste. Es ist gut sich mit Dorita auszutauschen. Christiana schreibt uns Sätze und Wörter auf Twi in ein Buch, die wir lernen sollen, während Dorita uns berichtet, was die beiden für Herausforderungen zu bewältigen haben. Und wir suchen gemeinsam mit ihr nach Lösungen. Wir verbringen ein paar Stunden miteinander, aber am frühen Nachmittag müssen die beiden wieder zurück nach Accra.

Und auch wir wollten ja noch zu Joyce und ihren zwei Kindern fahren. Lamptey und Kezia begleiten uns dabei. Wir sehen Joyce schon von weitem und freuen uns über das Wiedersehen nach so langer Zeit. Ihre zweijährige Tochter hatte sich von ihren Pateneltern eine Puppe gewünscht, aber das Geschenk gefällt ihr leider nicht, die Puppe macht sie sogar richtig wütend und sie verhaut das Ding mit beiden Fäusten. Die Szene ist nicht gerade unlustig, beziehungsweise wenn wir ehrlich sind, ist es sogar ziemlich lustig und am Ende freut sich ein anderes Kind über die Puppe. Wir besuchen auch den Container-Shop, den wir mit Joyce vor bald zwei Jahren gestartet haben. Wir wussten bereits, dass es mit dem Geschäft nicht mehr gut läuft, Pandemie und Ausgangssperren und die Inflation haben nicht nur in Europa einige Menschen hart getroffen. (Die Inflation in Ghana liegt aktuell bei über 50). Aber Joyce ist kreativ und verkauft vorübergehend einen Teil ihres Sortiments in einer großen Schüssel auf dem Kopf, dort wo die Leute sind, denn: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg zum Prophet, jedenfalls hat das eine gewisse Uroma immer gesagt und die wusste wie die Welt funktioniert. Es wird schon dunkel als wir uns auf den Rückweg machen. Und wir müssen uns von Kezia verabschieden, wir setzen sie unterwegs bei ihrer Schule ab. Ach, es ist traurig und schön zu gleich, sie mit ihren Taschen die Auffahrt zur Schule weggehen zu sehen.

Heute wagen wir uns auch an Jacks, vielleicht ist er sowas wie ein Dobermann, er eskaliert fast vor Freude als er den Zwinger verlassen darf. Wir müssen seine Freude über den kleinen Ausflug zu zweit an der Leine hängend irgendwie bändigen, er badet in Pfützen und wir… wir baden in unserem Schweiss. Als wir auch die Runde mit Bo gemacht haben waschen wir die Schweiss-Sand-Patina von uns ab und fahren nach Obomeng, dahin wo alles mal begonnen hat vor so vielen Jahren. Wie oft sind wir diese Auffahrt zum Kinderheim entlanggegangen, jetzt wartet nach der Biegung ein langsam zerfallendes Haus mit eingestürztem Dach. Die Grundmauern des Hühnerstalls sind nur noch zu erahnen, von den Ananas- und Orangenfeldern und den Öl-Palmen ist längst nichts mehr da und es ist so ungewöhnlich still hier. Ein paar Arbeiter haben ihr Lager hier eingerichtet und sie erlauben uns, dass wir uns ein bisschen umsehen. Die Gefühle überwältigen uns, was für ein spezieller Ort. Wir bleiben nicht lange, dennoch war es gut hier gewesen zu sein. Von Obomeng fahren wir nach Abetifi zu Mensah, er möchte uns seine Unterkunft, seine Katze und seinen Hund zeigen. Dort erfahren wir, dass er Vater geworden ist! Er möchte uns so gern seinen Sohn, seine Freundin und die Familie seiner Freundin vorstellen und daher machen wir uns zusammen auf den Weg in das Dorf, in dem sie wohnen. Wir werden herzlich empfangen, Mensahs Sohn geht schon in den Kindergarten und es scheint ihm gut zu gehen. Mensahs Schwiegervater beteuert immer wieder, dass er das nächste Mal eine Ziege für uns schlachten wird, und alle winken als wir uns wieder auf den Rückweg machen.

Zurück am Coldstore warten die Kinder von Erics Verwandtschaft sehnsüchtig auf uns. Wir lernen Abzählreime auf Twi und die Kinder erfreuen sich an diesen seltenen Moment, dass jemand mit ihnen spielt. Der größte Spass für alle ist, dass wir bei allen Spielen die Verliererinnen sind. Und, falls sich jemand fragt: Klaro, Christin isst ihre vierte Portion Fufu. Wir hoffen auf einen ruhigen Abend, aber es kommt anders. Ein guter Freund ruft uns an, seine Tochter wurde von einem Hund gebissen und wir eilen zur Apotheke, um den Impfstoff gegen Tollwut zu besorgen und zu ihr ins Krankenhaus zu bringen.

Wir fahren zurück, zu Hause wartet bereits Dennis, er hat auch einmal in Tomo-Ni gewohnt, aber hat das Heim verlassen noch bevor wir dort gelebt haben. Er hat seine Tochter dabei und wir unterhalten uns lange, denn er hat ein großes Päckchen zu tragen. Auch hier suchen wir wieder gemeinsam mit Eric nach einer Lösung. Doch einfach ist es nie… Es vergehen Stunden bevor er sich wieder auf den Rückweg macht. Es war sehr gut ihn nach so langer Zeit wiederzusehen und wir werden den Kontakt halten und ihm helfen die Herausforderungen in seinem Leben zu bewältigen.

Den Abend verbringen wir mit den Kindern vom Coldstore, und keine Sorge, Christin isst ihre fünfte Portion Fufu seit der Ankunft. Nach zwei Runden Karten spielen mit Prince und Lamptey wälzen wir noch die Finanzbücher. Auch mit müden Augen wird uns klar: Wir brauchen euch alle, um das weiterhin zu bewältigen!

Am Freitag stehen wir sehr früh auf, spazieren mit Bo und dann mit Jacks. Heute machen wir einen Ausflug mit allen Kindern. Für einen Ausflug braucht es Popcorn und das produzieren wir in Massen. Ein altes Hotel im Ort (noch nie wurden dort Gäste gesichtet…) hat ein kleines Schwimmbecken und dort dürfen wir gegen einen Obolus baden gehen. Eskalation, sowie ausufernde Freude sind garantiert und müde Kinder die früh schlafen gehen ebenfalls. Aber auch ein paar unserer Freunde haben sich angeschlossen und es wird ein wirklich schöner Abschluss für uns alle. Dann kommt noch das obligatorische Bücherwälzen zusammen mit Eric, wir gehen noch einmal alles durch, was wir diese Woche besprochen haben, schauen unsere Notizen an und rechnen gemeinsam durch, was finanziell auf uns zu kommt. Einiges! Nun die letzte Runde Karten mit unseren Freunden bis uns die Moskitos so ärgern, dass wir uns nach drinnen verkrümeln. Wo ist nur dieser Frosch heute?

Noch früher als sonst holen wir die Hunde am Samstag aus dem Zwinger. Viele Pläne machen wir nicht mehr heute. Eigentlich haben wir alles erledigt in dieser Woche, kein Wunder, denn es fühlt sich so an, als wären wir einen Monat hier gewesen. Wir backen mit den Kids noch Pfannkuchen. Diese Aktivität spricht sich in Windeseile herum und der Duft lockt auch viele andere hungrige Mäuler aus der Nachbarschaft an. Irgendwann hören wir auf zu zählen, aber Dominika ist überzeugt, dass sie noch niemals so viele Pfannenkuchen gebacken hat, was durchaus möglich ist, denn sie bäckt nie Pfannenkuchen. Wir verabschieden uns nach dem Mittagessen (es ist ohne Witz Christins siebte Portion Fufu, wie kann man das so sehr lieben?) und sind viel zu spät dran als wir uns mit Lamptey und Prince auf den Weg zum Flughafen machen. Ein Teil der Strecke ist überflutet, wir hüpfen durch die Schlaglöcher und schaffen es noch rechtzeitig unser Gepäck aufzugeben, uns mindestens fünfmal voneinander zu verabschieden und dann sitzen wir beide irgendwann verwirrt am Gate. Es ist schon sehr komisch in der Welt verteilt, wir schauen immer wieder auf das Flugticket und den Pass in unserer Hand, Dokumente unserer Privilegien. Es ist schwer über die Sahara und das Mittelmeer nach Istanbul zu fliegen, ohne ständig daran zu denken, wie schäbig die Welt ist. In Istanbul trennen sich unsere Wege, noch ein Abschied, aber wir sehen uns wieder, that’s for sure…


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